Ich bin stark und mutig!

Aktualisiert: 19. Juni 2021



Montag, 7:20 Uhr. Der Schulranzen hängt wie ein Sack Kieselsteine auf dem Rücken meiner Tochter. Wir sind bereit für den Weg zur Schule.


Die Stunde zuvor hat sie damit verbracht einen lauten Auwachseufzer, 5 mal unter der Decke verkriechen, 10 ertragenen Ermahnungen von mir sie solle jetzt endlich aufstehen, 15 Minuten auf der Toilette einschließen, etlichen Bauchschmerz-Bekundungen bis hin zum allbekannten Klamottendrama.

Das morgendliche Zurechtmachen könnte bereits um vier Uhr morgens starten und trotzdem werden die letzten Minuten zum „Mysterium der verschwundenen Zeit“. Hektik macht sich breit, die Stimmung kippt, die Stimmen werden lauter.


Gepackt mit den 7 Sachen stehen wir also genervt vor unserer Wohnungstür. Bereit zu gehen! Auf der Tür hängt seit Kurzem ein weißes, beschriebenes Blatt Papier:


„Stopp, das Lesen nicht vergessen!“ ermahnte ich meine Tochter.


Mit verrollenden Augen holt sie tief Luft und beginnt laut vor zu lesen:


„Ich bin genau richtig, so wie ich bin!“

„Ich freue mich darauf wieder ganz gesund zu sein!“

"Ich bin froh heute in die Schule zu gehen!“

"Ich bin mutig und stark!"


Mit spitzen Mund und hochgezogenen Augenbrauen sieht sie mich an, denn sie erwartete die gewohnte Reaktion von mir..


„Nochmal!“ sagte ich liebevoll zu ihr.


Erneut wiederholt sie diese Sätze. Und sie klingen schon etwas weicher..


„Ich bin genau richtig, so wie ich bin!“

„Ich freue mich darauf wieder ganz gesund zu sein!“

"Ich bin froh heute in die Schule zu gehen!“

"Ich bin mutig und stark!"


„Und nochmal!“ lächelte ich sie an.


Beim letzten Mal vorlesen, war ihre Stimme beschwingter und das Tempo wurde ruhiger.


„Ich bin genau richtig, so wie ich bin!“

„Ich freue mich darauf wieder ganz gesund zu sein!“

"Ich bin froh heute in die Schule zu gehen!“

"Ich bin mutig und stark!"


Diese Prozedur wiederholten wir nun jeden Tag. Tag für Tag für Tag! Jeden Morgen.


Diese Zeit berechnete ich in den morgendliche Zurechtmach-Wahnsinn mit ein und gab ihr die größte Bedeutung von allen Dingen, die vor der Schule zu erledigen sind.


Für meine Tochter wirkte das am ersten Tag befremdlich. Und am zweiten Tag irritierend, denn sie merkte, dass sie das nun täglich machen muss.

Ab dem dritten Tag gehörte es aber bereits zu unserer Routine.


Auf die Frage wozu antwortete ich ganz trocken: "Es sind einfach nur Fakten, an die ich dich erinnern will! Manchmal muss man die Dinge aussprechen, damit man sie glaubt!"


Meine Tochter ist seit längerer Zeit in einer Verhaltenstherapie, da sie eine Schulangst und eine Schulphobie hat. Ich vermische das mit Absicht, da wir immer noch auf Ursachenforschung sind. Es ist komplex! Ich denke, dass kann jeder nachvollziehen, der mit Schulangst zu tun hat. Ob als Mutter, Therapeut oder Arzt. DIE Ursache und damit DIE Lösung, Strategie gibt es nicht.


Was allerdings festzuhalten ist, dass das Selbstwertgefühl meiner Tochter am Boden ist. Obwohl sie selbstbewusst wirkt, scheint sie doch einen sehr negativen inneren Dialog mit sich auszumachen.


Die Grundlage für ihre so ausgeprägte Prüfungsangst, ihre Angst von anderen Kindern ausgelacht zu werden, ihre Angst im Sportunterricht beobachtet zu werden und ihre Angst alleine in die Schule zu gehen.


Eine Affirmation ist wie ein kleines Samenkorn, das man wie eine Pflanzen gedeihen lassen muss. Sie helfen heimlich bei negative Glaubenssätze. Unabhängig wer sie eingepflanzt hat oder was letztendlich dazu geführt hat.

Die Affirmation fragt nicht nach der Ursache. Sie hilft einfach nur. Und das ist es doch was sich schulängstliche Kinder am meisten wünschen. Ein Zaubermittel ohne Ursachenforschung. Die Schulangst soll einfach verschwinden!!


Wenn Kinder Ihr SELBST beginnen negativ wahrzunehmen, beginnt der Teufelskreis! Dieser entsteht durch die erlebten Angstsymptome und den negativen Folgen des eigenen schutzsuchenden Verhaltens (Vermeiden). Alles verstärkt sich zu einer negativ verzerrte Selbstwahrnehmung.


Das Gehirn hat nun einen festgesetzten Glaubenssatz. Und wir alle wissen wie schwer es ist, dies zu verändern.


Aber genau da setze ich an. Denn keine Herausforderung ist zu groß, wenn es darum geht Schulangst zu besiegen. Und das ist etwas bei der ich die Verhaltenstherapie zu 100% unterstützen kann.


Glaubenssätze sind die  eigenen persönlichen „Wahrheiten“ und prägen das Denken, Fühlen und Handeln. Sie wirken im Unterbewusstsein. Und da sehe ich unter anderen den Schlüssel. Denn in der Angstsituation ist meine Tochter weit weg von „bewusst“. 

Und wer nun das Prinzip der „selbst-erfüllenden Prophezeiung“ kennt , weiß, es muss umso schwerer sein aus dem Teufelskreis der Schulangst auszubrechen, wenn das Unterbewusstsein jeden Tag mit der Angst rechnet und auf sie lauert.


Wenn du insgeheim denkst „Du bist nicht gut genug“ oder "Das schaffe ich nicht" dann gibst du Deinem Körper das Signal, niemals gut genug zu sein oder das Signal, dass es unmöglich ist, es zu schaffen. Das Unterbewusstsein möchte es dir nämlich recht machen und sucht nach Beweisen. Der Fokus ist genau darauf angerichtet und filtert die Chance und Potenziale, die Stärke und den Mut des Kindes aus! Das Kind sieht nicht wie toll, mutig und stark es ist.


Ein weißes Blatt Papier mit 4 Sätzen. Das verordnete ich also ab jetzt meiner Tochter. Das ging von heute auf morgen. Aber es braucht Zeit, Geduld, Übung und beinhaltet natürlich Rückschläge – aber es klappte!!


Es hat dazu geführt,  dass sie eine ganze Schulphase, von Ferien zu Ferien, jeden Tag gemeistert hat. Ich habe jeden Morgen das kleine Pflänzchen "Positivität" mehr gespürt. Auch wenn es in den ersten Wochen beim Ankommen bei der Schule verpufft war. Die Phasen der Positivität wurden immer länger.

Könnt ihr euch vorstellen, was das mit ihr gemacht hat? Das war der Beginn für das Samenkorn „Hoffnung“. Denn wenn Affirmationen die  Glaubenssätze überschreiben können,  haben wir also DOCH Einfluss und die Macht über Denken, Fühlen und Handeln.


Eine Erkenntnis, die bei einer Angststörung der Motor zum Gesund werden ist.


„Ich bin genau richtig, so wie ich bin!“

„Ich freue mich darauf wieder ganz gesund zu sein!“

"Ich bin froh heute in die Schule zu gehen!“

"Ich bin mutig und stark!"

Eure Vivienne

Fotofreigabe von wix.com

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